Fokusarbeit 21/22: Zeitlos

Eine Fokusarbeit von: Maja

Es ist komisch, gleichzeitig wunderschön und von einem Hauch der Melancholie längst vergangener Zeiten begleitet, wenn man einen Ort wieder besucht, den man das letzte Mal durch naive, große Kinderaugen betrachtet hat.

Ich laufe mit nackten Füßen über den weichen, feinstaubigen, hellen Sand.

Die Turtle-Rescue-Station ist immer noch in Betrieb. Ich weiß nicht warum, aber es sind weniger Menschen hier, keine großen Touristenmengen mit Kameras, die die Schönheit dieses Ortes allein durch ihre Vielzahl verdecken würden. Der Ort glänzt noch immer mit der unveränderten, natürlichen Schönheit von damals. Ich gehe an den von dünnen Steinmauern umrandeten Gehegen vorbei, wo kleine, frisch geschlüpfte Schildkröten tollpatschig herum tapsen, wie auch vor fünfzig Jahren schon. Man könnte glauben, dass es immer noch die selben wie damals sind und die Zeit eigentlich nie fortgeschritten ist.

Ich höre das Rauschen des Meeres,den würzig-sanften Duft von Salzwasser, die Sonne scheint klar und hell am Himmel.

Wo sind jetzt wohl die Schildkröten, die zu meiner Zeit hier waren, die nun selbst schon eine lange Zeit über unser aller Erde wandern?

Ich bemerke eine Frau neben mir, die ihre Arme hinter dem Rücken verschließt und sich, wie ich, etwas über den Rand beugt, um vielleicht noch einen Blick auf eine weitere kleine Schildkröte zu erhaschen. Sie hat braungebrannte Haut, die mit einigen Altersflecken geschmückt ist und trägt glattes, schulterlanges blondweißes Haar.

Als sie meinen Blick auf sich spürt,  lächelt sie mich still an und richtet ihren Blick dann wieder auf die kleinen Tiere.

“Neues, junges, unbeschriebenes Leben auf dieser Erde ist für mich immer faszinierend.” sagt sie gedankenverloren, “Gut, dass wir gelernt haben, es zu schützen.” Sie wirkt ruhig und zufrieden. Ich erzähle ihr, dass ich schonmal hier war, vor fünfzig Jahren und an demselben Platz stand, der Ort genauso magisch war und sich die Palmenblätter zum Wind  so hoben und senkten, wie sie es jetzt gerade tun.

Wieviele Schildkröten hier schon ein und ausgegangen sein müssen, die sich jetzt durch das große, freie Meer treiben lassen, oder gemächlich durch üppige Wälder waten. Sie schaut wieder zu mir hinauf und lächelt mit geschlossenem Mund. “Ein zeitloser Ort.” sage ich leise, fast flüsternd. Wir schauen beide auf die kleinen Neuankömmlinge unserer schönen Welt.