Fokusarbeit 21/22: Herbst-Idylle

Eine Fokusarbeit von: Jan

Zugegeben Österreich ist nicht riesig, aber eben doch größer als Wien. Auch wenn das die “Weeaner” nicht wahrhaben wollen. Jetzt bist du am Land, genauer gesagt in der “Buckeligen Welt”. Hintertupfing, was weiß ich, sozusagen mitten im Nirgendwo. Vom Bahnhof aus wären es 45 min zu Fuß, der Bus kommt, oder kommt nicht, höchstens 2 mal am Tag. Ich werde abgeholt, 2 Männer, beide um die 40, mustern mich mit neugierigen Augen, nicht vorurteilsfrei, nicht stark verurteilend. Ich steige ein, Smalltalk nimmt seinen Lauf, Das Wetter, die Herfahrt, ob ich hungrig sei, es ist ein vorsichtiges herantasten. Die nächsten Wochen werde ich viel Zeit mit den beiden verbringen, noch sind sie fremd, aber nicht unsympathisch. 2 homosexuelle Permakulturbauern, wie könnte man so etwas auch nur ansatzweise unsympathisch finden. Kann man, werden die beiden mir erklären, 2 Bauern die ohne Traktor und ohne Frau zusammen am Hof leben, werden von ihrer Umgebung nicht gewertschätzt, hier werden wir immer fremd bleiben, meint der eine zu mir.

Das alte Elektro-auto summt angestrengt den Hügel hinauf, die Luft ist hier merklich besser als im Tal von Wien. Direkt nach der Ankunft werde ich über ihren Hof geführt, es riecht nach Tier, aber man kein bestimmtes erahnen, was daran liegt, dass hier Hunde, Katzen, Schweine, Hasen, Laufenten, Hühner, Gänse und sogar Brieftauben zusammenleben. Die beiden führen ein Bilderbuch-Bauernhof-Leben, schwer arbeitend, um 5:30 aufstehend, um abends kurz nach Sonnenuntergang zufrieden ins selbstgebaute Bett zu fallen. Wohlverdienter Schlaf, denke ich mir dazu, der sollte mich dann auch ereilen, genau wie der Rythmus sich von ganz alleine einstellt, ohne Wecker wird man morgens vom Geschrei des Hahns wach, nach dem Abendessen auch schon wieder müde. Ein Segen für mich, der schlaflose Nächte mit Straßenlärm gewohnt ist. Der ganze Hofkomplex besteht aus zwei Teilen: Oben das Haus und der Hof der beiden Bauern, unten ein paar alte Gebäude zum Teil belebt mit der anderen Hofgemeinschaft. Da ist Inci, die alte Köchin, stets am Rauchen und sich über ihren Rücken beklagend, dann Leo, der ewige Student, der sich ein fahrendes Haus zusammenschraubt auf einen LKW-Untersatz. Und die ehemalige Zirkus-Artistin mit ihrer Tochter, die Namen sind bei mir nicht hängengeblieben, die Kleine war jeden Tag verkleidet und ihre Mutter sich sehr bewusst ernährend, penibel darauf achtend was sie wann zu sich nimmt. Der große Gemüsegarten ist auch hier unten, meine Schlafkammer ist über den Schweinestall, und damit wärmer als die Umgebung sonst hier draußen. Die beiden Schweine, die ich täglich morgens füttern werde, freuen sich über den Brei, der auch meinen Frühstück ähneln wird. “Unser tägliches Müsli gib uns heute” siniere ich schon leicht bekloppt vor mich hin. Es wirkt friedlich, auf den ersten Blick, doch wie so oft täuscht der Schein und auch hier verbergen sich unter dem friedvollen Zusammenleben allerlei Spannungen. Im Winter wird an Holz gespart, nicht alle Räume werden warm, und nach wochenlanger Ernährung aus Kartoffeln, Kohl und Kürbis, ist die Stimmung auch schnell im Keller.Im Großen und Ganzen entspricht es hier dann doch meiner Vorstellung: “ Ein leben im Einklang mit der Natur”, fehlender Lärm und eine verständnisvolle Gemeinschaft  leicht am Rande der Gesellschaft. Etwas in mir kann sich anfreunden mit dieser Form von Lifestyle, morgens beim Nachbarn Milch holen, tagsüber arbeiten mit Schaufel oder Axt, abends mit vollem Magen früh ins Bett.

Mitte der zweiten Woche, wird eine “Wooferin” sich zu uns gesellen, mit einem Golden Retriever. Das ist der Beginn meiner lebhaftesten Erinnerung an diese Zeit. Eines Morgens, gleich nach dem Frühstück bin ich mit der Tochter, heute als Prinzessin verkleidet und dem Hund spazieren. Zwischen den beiden Höfen, fast genau in der Mitte des Hügels befindet sich ein Camp für jugendliche, die hier im Sommer betreut von einem Trainer, simples Survival betreiben, eine Woche für sich kochen und ein Leben als Bande im Wald führen. Obwohl jetzt keine Teenies mit Stöcken und Indianerstyles umherrennen, kann man sich neben der archaischen Kochstelle doch gut vorstellen wie hier buntes Treiben herrscht. Direkt hinter der Kochstelle neben dem Camp entdecken wir einen Kreis aus Sand auf dem ebenen Boden. “Hier kämpfen die anderen Kinder” erklärt mir die Prinzessin und steigt in den Ring. Ich zögere nicht lange, wir umkreisen uns und bald beginnt der Kampf, er ähnelt einem Tanz, meine Capoeira Stunden machen sich bezahlt und wir wirbeln umeinander. Der Goldene Hund wird immer nervöser, zappelt auf seinem Platz, winselt und bellt. Bald schon hält er die Spannung nicht mehr aus, springt zu uns in den Kreis. Ein Reigen auf goldenen Pfoten, lechzenden Hundelippen, fliegenden rosa-farbenen Bändern und meinen schwingenden Füßen entsteht. Wir drei könnten unterschiedlicher kaum sein und doch verbindet uns der Moment, das Element des Spiels und wir brauchen keine Worte. Bewegungen, bellen oder kreischen wird unsere Sprache bilden. Bald sind wir verschwitzt, erschöpft und küren uns alle zu Siegern.
Am Weg zurück, pflücke ich einen Apfel und die Prinzessin ein paar Himbeeren, wir teilen zu dritt, Pfote, Ring und Hand.