Fokusarbeit 21/22: Ein Vorgeschmack der Utopie

Eine Fokusarbeit von: Larissa

So richtig begonnen hat meine klima-aktivistische Reise an einem Tag im Mai 2021. Gemeinsam mit meiner Bezugsgruppe bin ich auf dem Weg zu meiner ersten Straßenblockade von Extinction Rebellion. Es war Samstag, gutes Wetter, und wir sind durch den ersten Bezirk geschlichen. Wir wollten nicht frühzeitig von der Polizei entdeckt und eventuell sogar noch an unserem Vorhaben gehindert werden.

Schon der Weg hin war nervenaufreibend, weil unser ursprünglich geplanter Ort wegen einer Demonstration der Impfgegner:innen nicht zugänglich war. Nun hatten wir einen neuen Platz und einen ungefähren Plan. Wir waren als Swarming-Team eingeteilt. Swarming, also die Straße mit einem Transparent abzusperren, hörte sich nicht so schwer an. 

Wenn ich heute an diesen Tag zurückdenke, ist das erste Gefühl, das hochkommt, Stress. Stress weil die Autofahrer (da waren keine :innen) so ungut waren, uns angehupt uns angeschrien und schließlich auch direkt und mit dem Auto attackiert haben. Das Blockieren einer Straße ist gar nicht so einfach wie vorgestellt, wenn die Fahrer einfach rechts und links über den Gehsteig brettern, aussteigen und uns anschreien oder auch einfach langsam und bewusst direkt auf uns zu fahren. 

Den ersten von uns wird die Situation zu viel und sie verlassen die Straße. Einen Augenblick später kommen andere Rebellis an uns vorbei, sehen unsere Not und springen sofort ein. Rechts und links stellen sie sich zu uns dazu, ich bin ihnen in diesem Moment so dankbar für ihre Anwesenheit. Je länger wir auf dieser Straße stehen, zwischen den Autos und uns nur ein Transparent aus Stoff, desto stärker wird dieses Gefühl von Eigenermächtigung und Resilienz. Entspannter wird die Situation aber erst nach einigen Minuten, also endlich ein paar Polizisten auftauchen und die Straßensperre für uns übernehmen. Nie wieder war ich so froh, dass die Polizei auf einer Blockade auftaucht. Wir packen unser Transparent wieder ein und machen uns auf den Weg zur eigentlichen Blockade, die währenddessen eine Straße weiter aufgebaut wurde. Dort stehen mittlerweile Blumenbeete, Menschen nutzen den neu frei gewordenen Platz auf der Straße und irgendwo weiter hinten sitzt ein Mensch vor einer Staffelei und versucht die Szene festzuhalten.

-

Es ist mal wieder Mai, viele Jahre später, die Sonne scheint und ich spaziere durch Wien. Ich laufe ziellos durch die Gegend, bis ich irgendwann an diesem fremden und doch so vertrauten Platz ganz von allein stehen bleibe. Es ist die Urania und da rechts ist die Nebengasse, die wir damals gesperrt haben. Aus der jetzigen Perspektive ist die Situation damals unvorstellbar. Dass da, wo jetzt Menschen zu Fuß oder auf einem Rad unterwegs sind, früher nur Autos gefahren und hauptsächlich gestanden sind ist unvorstellbar. Mittlerweile ist der Asphalt an so vielen Stellen aufgebrochen und mit etwas grün bepflanzt, da könnten gar keine Autos mehr fahren. Das Ausrasten der Autofahrer damals wirkt aus der jetzigen Perspektive noch surrealer. Richtig komisch, dass es normal war, den Autos und nicht den Menschen den Platz der Stadt zur Verfügung zu stellen. Ich halte kurz inne, spüre die Sonne auf meinem Gesicht, mach die Augen kurz zu, und dann wieder auf. Der Platz hier, und im Prinzip die ganze Innenstadt, ist noch viel schöner und lebendiger geworden, als wir uns das damals vorgestellt haben. 

Wir haben die ersten Beete mitgebracht, die dann von der Polizei zerstört wurden. Heute sind hier nicht nur Bäume und grüne Flächen am Boden, sondern auch überall Gemüsebeete für die gemeinsame Nutzung. Der Stress der Autos ist fast vollständig verschwunden, ab und zu schlängelt sich ein Rettungsauto durch. Nur die Fassaden der Häuser rundherum sind gleich geblieben.