Fokusarbeit 21/22: Die Luft riecht nach Sonne

Eine Fokusarbeit von: Lilli

Die Luft riecht nach Sonne und sie flirrt vor Aufregung und Tatendrang. Die vielen jungen Menschen in den farbenfrohen Jacken und Schals halten ihre bemalten Schilder aus Karton in die Luft, oft sehe ich auf ihnen unsere blau-grüne Erde. Wir sind beständig in unserer Bewegung, dicht beisammen, wie ein Schwarm Fische oder Bienen, der ein ganz klares Ziel hat. Wir sind laut. Aber wir wollen friedlich sein - vielleicht sind wir nicht laut genug. Was würde das für unsere Zukunft bedeuten? Müssen wir unser Schicksal tatsächlich von einer Reihe an Demonstrationen abhängig machen? Dennoch rufen wir voll Energie unsere Sprüche, immer und immer wieder, denn so muss man uns doch irgendwann hören.

In der Menge bin ich glücklich, um mich herum sind so viele Hoffnungsträger:innen wie noch nie. Gemeinsam marschieren wir die Josefstädterstraße entlang bis zum Ring, wo wir die anderen Ströme treffen, und gehen dort, wo sonst die Autos ihre Abgase lassen, den Ring ab; bis wir zum Heldenplatz kommen, wo wir uns gemeinsam mit dreißigtausend anderen zur Kundgebung der ersten weltweiten Klima-Demo zusammenfinden. Helden, das sind wir, und Heldinnen.

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Als 67-jährige schlendere ich wieder über diesen Platz. Der Frühling liegt in der Luft und belebt all meine Sinne. Höre ich ganz genau hin, kann ich noch unsere Rufe vernehmen, in denen wir unsere Verzweiflung in Energie umwandelten. Heute, fünfzig Jahre später, kann ich stolz darauf sein, Teil dieser Bewegung gewesen zu sein. Denn vom Ring her dröhnen jetzt keine Motoren mehr, man kann ihn gefahrlos, einfach so überqueren. Im Hier und Jetzt kann ich das Zwitschern der Vögel hören, und das angenehme Brummen menschlicher Stimmen, die an diesem sonnigen Tag die frische Luft des Frühlings einatmen wollen. Auch der Heldenplatz selbst ist nicht mehr grau in grau, denn vor einiger Zeit hat man den Asphalt aufgebrochen und die Erde wieder atmen lassen. Die Natur ist an ihren rechtmäßigen Platz zurückgekehrt.

Eine Touristin kommt auf mich zu, in ihrer Hand ein zerfledderter Reiseführer. “Entschuldigung, ist das hier der Heldenplatz? In meinem Buch sieht er… anders aus”. Ihr Blick schweift über die blühenden Bäume, die bewachsenen Fassaden und die kleinen Windräder und Photovoltaikzellen, in deren Schatten man sich heute ausruhen kann und die zu einem fixen Bestandteil des Stadtbilds geworden sind. “Ja”, sage ich, “das ist er. Aber heute heißt er Held:innenplatz. Nach uns.”