Fokusarbeit 21/22: Brücken-Orte

Eine Fokusarbeit von: Magdalena

Diese Erinnerung beschreibt einen Tag irgendwann in den frühen 2000er Jahren. Verregnet und eher kalt lagen die Wolken tief im Tal. Ringsum noch ein bisschen Schnee auf den Bergen, ganz oben zumindest. Die Menschen, und da waren viele unterwegs, waren hingegen gar nicht grau, sie waren bunt, sportlich angezogen, der Kleidung sah man an, dass die 90er Jahre noch nicht lang her waren. Manche Menschen trugen große Regenponchos.
Normalerweise ist es an diesem Ort surrend laut, und an diesem Tag war es das ebenfalls. Aber doch ganz anders laut und irgendwie auch leise. Statt dem konstanten Brummen und Surren der Motoren, ein Geräusch, das wir alle schon viel zu gewöhnt waren, hörte man Gequatsche, Rufe, Fahrradgeklingel, das Klappern der Ketten. Und genau so wälzte sich statt den Blechlawinen eine Menschenmasse auf ihren alten Rädern hinauf auf die Brücke. Im Vordergrund stand vielleicht weniger die Umweltsorge, der Begriff Klimakrise war den meisten damals noch fern. Vielmehr waren es lauter Menschen, die gemeinsam gegen lokale Umweltbelästigungen kämpfen wollten. Es gab so viel Trennendes und doch stand da im Vordergrund die Freude.

50 Jahre später komm ich mit dir an diesen Ort und du siehst ihn zum ersten Mal. Es ist grau und verregnet, Schnee liegt schon lange mehr keiner mehr auf den umliegenden Bergen. Es ist warm geworden, die 1,5°C wünschen wir uns nur noch sehnsüchtig herbei. Befahren ist die Brücke wie früher, statt dem Dieselgeruch hört man Abrollgeräusche, egal wie elektrisch angetrieben machen sie doch ein Summen aus. Ohne die Geschichte, ohne den persönlichen Bezug, ohne das Bild von früher im Kopf zu haben ist auch das nur ein Ort ohne Hoffnung. Einer von lauter gleichen Orten, Autobahnbrücken, wie sie überall in unserer Welt zu sehen sind. Sie sind ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Zeiten, in denen wir meinten, wir könnten alles fahrend erreichen und in denen wir dachten, wir würden schon eine Lösung für alles finden, wir haben ja die Technik. Doch die Technik reichte nicht, die Staatengemeinschaft konnte sich ja auf nichts einigen. Diese Landschaftselemente erinnern uns an den Wirtschaftsglauben mit der mein Opa an dem Bau der Brücke arbeitete und mein Vater Jahrzehnte später an der gleichen Stelle die Schadstoffe der Autos maß. Die Freiheit, die wir auf der Brücke verspürten, wenn wir Richtung Süden brausten. Die Freiheit und Sicherheit, die wir meinten zu haben und mit jedem Kilometer verspielten. Heute ist dieser Ort die Erinnerung, sie bündelt sich wie in einer Lupe. Die Erinnerung an diese Zeit vergeht in ihrem blassen Charakter und du stehst neben mir und schaust mich fragend an.